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Tuesday, 21. May 2013

Zum Motto: REFERENZEN

Franz Nölken - Max Reger bei der Arbeit

»Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich vielleicht von allen lebenden Komponisten derjenige bin, der am meisten wahre Fühlung mit den großen Meistern unserer so reichen Vergangenheit hat«, schrieb Reger gegen Ende seines Lebens an Mendelssohn-Bartholdys Schwiegersohn Adolf Wach und er übertrieb damit gewiss nicht. Schon seit 1893 hatte er sich als Bearbeiter mit der Tradition auseinandergesetzt und sich mit dieser intensivsten Form der Aneignung die Werke seiner Vorgänger von der Renaissance, über Bach, Schubert und Brahms bis zur Gegenwart erobert. Seinem im Mai 1895 abgelegten Credo »Richtung habe ich keine; ich nehme das Gute, wie es eben kommt«, blieb er lebenslang treu und vertiefte die »wahre Fühlung« bald durch musikalische Interpretationen als Pianist, später auch als Dirigent; besonders eng wurde die Auseinandersetzung schließlich durch seine wöchentlichen Analysestunden am Leipziger Konservatorium, die dem gesamten Spektrum überlieferter Werke galten. So war seine Kenntnis selbst kompositorischer Details so fundiert, dass er aus dem Stand Präzedenzfälle aus Bachs, Schuberts oder Brahms’ Werken zur Rechtfertigung eigener satztechnischer oder harmonischer Kühnheiten anführen konnte. 

Die diesjährigen Weidener Regertage gehen unter dem Motto »Referenzen« dem Beziehungsgeflecht von Werk und Gegenbild nach und zeigen in ihren Konzerten auf erstaunliche Weise, mit welcher Experimentierlust Reger sehr Eigenständiges gerade unter Bezug auf Vorgegebenes formulierte. Das ist bei den Weidener Orgelwerken, die sich auf Bach berufen und zugleich in ihrer gesteigerten Expression und kühnen Harmonik einen avantgardistischen Stand der Kompositionstechnik widerspiegeln, unbestritten der Fall. Aus derselben Zeit beweisen es auch die Lieder, die Reger in deutlicher Konkurrenz zu dem schon viel bekannteren Richard Strauss formuliert; indem er denselben Text noch einmal auf eigene, unverkennbare Art musikalisch fasst,  lässt er sich auf einen edlen Wettstreit ein, der ihm hilft sich selbst zu positionieren und seine Eigenart zu schärfen. Das in München entstandene Streichtrio op. 77b beschwört Mozart’schen Geist in spätromantischer Maske herauf, in gewisser Weise den späten Mozart-Variationen op. 132 verwandt, die sich noch stärker der Distanz zur vermeintlich heilen Welt des Rokoko und ihres Standorts am Ende einer historischen und musikgeschichtlichen Epoche bewusst sind. Spätestens seit der Leipziger Zeit scheinen viele Kompositionen des Analyseprofessor Reger innerlich mit einem ganz bestimmten Werk der Tradition zu kommunizieren, weniger als Plagiat oder Übersteigerung, sondern eher als eine aus Rede und Antwort gewonnene kommentierende Ergänzung oder Anspielung. Ganz deutlich zeigt sich das im Klavierquartett d-moll op. 113 von 1910, das mit Brahms Klavierquartett c-moll op. 60 dialogisiert, welches Reger vor Kompositionsbeginn in Leipzig aufgeführt hatte. Und auch die Cellosonate a-moll op. 116  aus demselben Jahr ist als Gegenentwurf und intimes Gespräch mit Beethovens Cellosonate A-dur op. 69 zu verstehen. Eine ganze Kette von Referenzen tut sich im Konzert der Klarinettenquintette auf; dabei zeigt Regers Schwanengesang Opus 146 noch einmal ganz deutlich sein Einlassen auf die Vergangenheit im schmerzlichen Bewusstsein einer verlorenen Zeit, das dem Werk einen ganz persönlichen melancholischen Ton verleiht. 

So erlauben sich die Weidener Regertage ein weiteres Mal den Luxus, einem Thema in all seinen Facetten konsequent und gründlich nachzugehen. Dass dies ein besonderes Entgegenkommen der Interpreten beinhaltet, auf die Wünsche der Veranstalter einzugehen und auch ungewohnte Werke und Kombinationen einzustudieren, muss wohl nicht eigens erwähnt sein. Am Ende werden wir, da bin ich sicher, wieder ein neues Bild von Reger gewonnen haben; und genau das ist das Spannende an diesem Komponisten moderner Vieldeutbarkeit, der sich  systematischer Einordnung verweigert.

Prof. Dr. Susanne Popp, Max-Reger-Institut Karlsruhe