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Anverwandlungen
Max Reger als Bearbeiter und Herausgeber
„Alle Komponisten sind doch mehr oder minder geschickte Diebe!!!!“ schrieb Max Reger Ende 1912 an Herzog Georg II. von Sachsen-Meiningen und betonte damit verschwörerisch die Verwurzelung aller schöpferischen Tätigkeit in der Tradition. Zugleich aber war er davon überzeugt, dass nur die unverwechselbare subjektive Aussage einer großen Persönlichkeit Unsterblichkeit in der Kunst garantiere. Dieser Spannung von Fremdem und Eigenem gehen die Max-Reger-Tage 2011 unter vielfältigen Blickwinkeln nach: Von kreativer Anverwandlung ist ebenso die Rede wie von ihrem Gegenpol, der Abgrenzung und Selbstfindung. Folglich kombiniert das Programm Regers Bearbeitungen und Herausgaben der Werke seiner Vorgänger und Zeitgenossen mit seinen Originalwerken, die die kreative Auseinandersetzung und Nutzbarmachung des Fremden vielfältig wiederspiegeln.
Die Liste von Regers in all seinen Schaffensepochen entstandenen Verwandlungen fremder Werke ist so umfangreich, dass sie im eben erschienenen Chronologischen Verzeichnis der Werke Max Regers und ihrer Quellen über 200 Seiten füllt; das Spektrum reicht von Renaissance-Musikern über Johann Sebastian Bach und seinen Sohn Carl Philipp Emanuel bis zu den Romantikern Schubert und Schumann, bezieht auch die „Noch-Zeitgenossen“ Liszt, Wagner und Brahms ohne Vereinnahmung im damals herrschenden Parteienstreit mit ein und schreckt vor den Zeitgenossen Richard Strauss und Hugo Wolf ebenso wenig zurück wie vor dem Repräsentanten einer ganz anderen musikalischen Welt, dem Walzerkönig Johann Strauß Sohn.
Die Gründe zu der allein als Schreibarbeit ungeheuer zeitraubenden Tätigkeit sind vielfältig und gehen über den finanziellen Aspekt, dass damit gutes Geld zu verdienen war, weit hinaus: Anfangs und speziell bei den frühen Orgel- und Klavier-Transkriptionen seines alle übrigen Komponisten überstrahlenden Vorbilds Bach war es lernendes Einverleiben, ähnlich wie Maler Alte Meister kopieren, um sich spezifische Strukturen und Techniken nutzbar zu machen. Mehr und mehr hatten die Arbeiten auch eine dienende Funktion, etwa beim Nachlass Hugo Wolfs, mit dessen Schicksal als verkanntem Genie sich Reger so stark identifizierte, dass er den Arbeiten an seinem Nachlass Monate seiner knappen Schaffenszeit widmete. Oder bei seinen Liedinstrumentierungen, mit deren farbenprächtigem Klanggewand er neue Hörer und Aufführungsmöglichkeiten im sinfonischen Umfeld zu gewinnen suchte; andere Lieder, darunter ein 2010 erst entdecktes Schumann-Lied, wollte er durch Orgelbegleitung in den Kirchenraum holen. Immer aber ging es darum, im Gegenüber mit dem Fremden den Eigensinn zu schärfen und vor der Folie fremder Werke die persönliche ästhetische Position zu klären.
Das Motto Anverwandlungen weist in zwei Richtungen. Zum einen geht es um die Anverwandlung fremder Werke und ihrer spezifischen Techniken, die im eigenen Schaffen Spuren hinterließen. Denn es gibt kaum eine intensivere Form der Auseinandersetzung als in der Bearbeitung, die Note für Note, Takt für Takt prüft und verwandelt. Im gesamten Œuvre zeigen sich beachtliche Wechselwirkungen und Rückkoppelungseffekte, zumal Bearbeitungen und Originalwerke oft in zeitlicher Nähe entstanden.
Als Interpret am Klavier, vor dem Orchester und schließlich in der verschriftlichten Form als Herausgeber und Bearbeiter ist Reger schöpferisch tätig: Hier leistet er eine subjektive Anverwandlung des Fremden an das Eigene. So nähert er mit differenzierten Vortragsangaben Bach an Reger, betont als „polyphone Natur“ in den Liedbearbeitungen Schuberts und Brahms’ durch Dynamik und Phrasierung verborgene Mittelstimmen, hebt selbständige Motive und Kontrapunkte hervor, schärft Dissonanzen und kreiert sprechende Klangeffekte. Mit dieser subjektiven Interpretation gibt er weniger Aufschlüsse über die bearbeiteten Komponisten, sondern legt Zeugnis über das eigene Denken und Schaffen ab. Ähnlich verhält es sich mit den Neufassungen eigener Werke, die immer auch schöpferische Interpretationen und Selbstreferenzen sind. Wer Reger, dem Komponisten näher kommen will, sollte daher den Umweg über Reger, den Bearbeiter nicht scheuen.
Prof. Dr. Susanne Popp, MRI Karlsruhe
